Jin Shin Jyutsu
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  JIN  SHIN  JYUTSU®
    
Physio-Philosophie in Berlin

  

   Lucys Geschichte

        

 veröffentlicht in der deutschsprachigen Ausgabe des The Main Central, Nr.5, Winter 2001, in der Rubrik “www.DOTjsj.com” von Cynthia (Lenssen) Broshi unter der Fragestellung:

WANN bist du dir der Verbindung von Jin Shin Jyutsu zum Schicksal bewusst? Siehst du Jin Shin Jyutsu dahingehend, dass es das Schicksal ändert, umwandelt, offenbart oder entfaltet? Welche Begebenheiten hast du beobachtet, wenn die Starthilfekabel oder die Physio-Philosophie dein Verständnis des Schicksals erleuchtet haben?

Vor einigen Jahren hörte ich zum ersten Mal Jill Holden im Kurs fragen: “Verändert Jin Shin Jyutsu das Schicksal?” Seitdem haben wir ab und zu diese Frage diskutiert und herausgefunden, dass viele Aspekte dieser Kunst darauf hin deuten. Jin Shin Jyutsu Praktiker sind häufig privilegierte Zeugen des Erwachens der “Kraft, alles Unglück von sich abzuwenden” (Mary Burmeister, Text 1, S.1). Normalerweise erhaschen wir nur einen schwachen Schimmer, wie sich diese Verlagerungen der Energie für andere darstellen. Bei meiner Tochter Lucy war die Frage des Schicksals eine alltägliche Erscheinung, und ich denke immer noch nach über die verschlungenen, rätselhaften Pfade, auf denen Jin Shin Jyutsu unseren Weg transformiert.

Als Neugeborenes schien Lucys Geist mehr den Raum um ihren Körper herum als den Körper selbst zu bewohnen. Ein- oder zweimal am Tag, nur für einige Minuten verschmolz ihr Bewusstsein mit ihrer physischen Erscheinung. Ich fragte mich, ob sie sich immer noch im Entscheidungsprozess befinde, diese Form anzunehmen? Im Verlauf der beiden ersten Jahre konsolidierte sich allmählich die Verbindung zwischen Seele und Körper. Gleichzeitig wuchsen Verdauungs- und Atemwegssymptome heran.

Mit zwanzig Monaten wurde Zystische Fibrose an Lucy diagnostiziert, ein Etikett, das als genetisch, fortschreitend und unheilbar eingestuft wird. Medizinisches Eingreifen rettete ihr Leben und erfüllte die meiste Zeit unserer Tage. Jill Holden, die Freundin einer Freundin, bot Lucy eine Reihe von Jin Shin Jyutsu-Sitzungen an. Ich nahm ihr drittes Angebot an (um nicht unhöflich zu sein). Die Ergebnisse kamen so schnell und tief greifend, dass ich begann, Lucy täglich nach Jills Anweisung zu strömen. (Dies war das einzige, wodurch Lucy sich wirklich wohl fühlte in ihrem Körper.)

Neun Monate später begann ich bei Mary Burmeister zu lernen, und dann gab ich Jin Shin Jyutsu an Freunde und andere Patienten mit Zystischer Fibrose weiter. Lucy erhielt über mehr als zwei Jahre lang tägliche Anwendungen, bis sich grundlegende Veränderungen ihrer Symptome einstellten. Im Bewusstsein des Jin Shin Jyutsu gibt es kein “unvermeidlich”. Dort ist einfach JETZT, dieser kostbare Moment, in dem alle Energie verfügbar ist. Die Natur der universellen Energie folgt einem ständigen Erzeugen und Erneuern, Erneuern und Erzeugen.

Mit vier Jahren hatte Lucy ihre erste Sitzungswoche bei Mary. Am letzten Tag, als Mary sagte, weiterer Krankenhausaufenthalt sei nicht mehr erforderlich, wurden mein Glauabe und meine Hoffnungen zerschmettert. Es war klar, dass Mary die Situation nicht “verstand”. Lucys Puls klang lieblich, und ich fuhr fort sie täglich zu strömen, doch es gab keine Änderung der Symptome. Einige Monate später musste sie wieder ins Krankenhaus. Erstaunlicherweise gab es keine der üblichen Komplikationen! Sie wurde früh entlassen, gesünder als nach jeder vorherigen Aufnahme. Statt der wöchentlichen Notfallbesuche vergaßen wir es für mehr als ein Jahr, zum Arzt zu gehen. Mir wurde gesagt, ihre Genesung sei beispiellos. Der Direktor der Lungenfachabteilung nannte sie “meine Ex-Patientin”.

Im Alter von fünf oder sechs malte Lucy am letzten Tag einer Woche mit Anwendungen bei Mary und Pat zwei Bilder - ein Mädchen (eine Prinzessin) tritt aus einem dunklen Wald heraus. Der Wald ist überdacht von dunklen Wolken und darin treiben Schädel und ein Skelett. Sie spaziert in den Sonnenschein. “Clucs” (große brennende Kerzen) leiten sie.

Bei den täglichen Sitzungen hatte ich immer das Gefühl, dass Lucy damit gerade so eben in Harmonie blieb. So strömte ich sie mehrere Jahre lang zweimal täglich, und ihr Puls schnurrte. Obwohl sie immer noch Medikamenten- und Atmungsbehandlungen für ihre Symptome der Zystischen Fibrose brauchte, glühte sie vor Vitalität und einer sinnlichen Lebensfreude. Das Kind, von dem mir gesagt wurde, es werde ihm nie gut genug gehen, die Schule zu besuchen,  versäumte nicht einen Tag im Kindergarten. Als Lucy sieben Jahre alt war, trennten sich ihr Vater und ich. Weder fand ich die inneren Reserven Lucy zweimal täglich zu strömen, noch wusste ich, wie ich um Hilfe bitten oder Hilfe annehmen sollte. Ich gab Lucy wöchentlich eine Jin Shin Jyutsu-Sitzung, und das waren einige der härtesten Stunden meines Lebens, als ich über die Monate in ihren Pulsen hörte, wie sie sich verdunkelten und immer disharmonischer wurden. Nach sechs Monaten verschlechterten sich ihre Symptome. Zur selben Zeit - sozial, intellektuell, schöpferisch - gedieh sie. Sie wuchs immer mehr in sich selbst hinein. Mary sagt, das Baby wird geboren mit einem Energievorrat, den es im Mutterleib erhalten hat und aus dem es die ersten sieben Lebensjahre schöpft. Während dieser Zeit sind Mutter und Kind in gewisser Hinsicht ein Wesen. Mit sieben (Vollkommene Lebenskraft) wird diese Verlängerung der Nabelschnur zertrennt. Das Kind ist jetzt ein eigenständiges Wesen.

Wir begrüßen unsere Erfahrungen mit den “heilenden” Kräften des Jin Shin Jyutsu. Ebenso wichtig für unser Verständnis der Kunst sind jene Individuen, für die die Anwendung nicht in physischer Heilung endet. Wer bin ich, dass ich wissen könnte, welche Form der Erfüllung ein Schicksal nehmen will? Wenn die Herausforderungen für eine Person groß werden, bete ich darum, dass die Seele den besten Weg finden möge für das eigene Wesen und für alle Wesen. Mary sagt: “Das Bewusstsein wandelt sich, manchmal folgt der Körper.”

Im Alter von zehn war Lucy ein verrückter, lärmender Meteorit, und es ging ihr nicht mehr gut genug, um die Schule zu besuchen. Am letzten Tag einer einwöchigen Serie von Sitzungen fand ich sie ungewöhnlich still und ruhig daliegend, mit sanften, geöffneten Augen, auf dem Boden des Büros in Scottsdale. Ich musste mich hinabbeugen, um zu hören: “Mama, ich heile. Ich heile, Mama.” Ich war bewegt und beunruhigt. Was bedeutet Heilung für sie? Ich möchte sie nicht verlieren.

In den Jahren von elf bis dreizehn strömte ich Lucy häufig und brachte sie zweimal jährlich für eine, dann zwei, schließlich drei Wochen nach Scottsdale zu Sitzungen. Bei den allerletzten Besuchen klang ihr Puls verändert, und innerhalb weniger Wochen nach der Heimkehr machte ihre Gesundheit einen signifikanten und dauerhaften Rückschritt. Für mich schien es der friedlichste Weg zu sein, es zu akzeptieren, dass Lucy ihren Körper bald verlassen würde. Doch sie hatte andere Vorstellungen. Als Tochter des 20. Jahrhunderts hatte Lucy noch etwas vor. Mit großem emotionalen Aufwand stellte sie klar, dass sie noch nicht bereit sei zu gehen. Obwohl sie ihre Freunde in Scottsdale sehr vermisste, entschloss sie sich, nicht wieder zu Sitzungen dorthin zu gehen und wies ihren Vater und mich an, lebensverlängernde medizinische Verfahren, denen wir skeptisch gegenüberstanden, weiter zu verfolgen. Dies verbesserte und komplizierte ihre Gesundheit, physisch und geistig, und erweiterte ihre Möglichkeiten, ihre Herausforderungen und ihr Leiden.

Zwischen zwölf und vierzehn kämpfte Lucy heftig darum, auf die Liste für eine Lungentransplantation zu kommen. Um als Kandidatin akzeptiert zu werden, musste sie viele Ängste und Befürchtungen überwinden - vor Nadeln und Invasivverfahren. In ihrem Stunde um Stunde geführten Kampf feierte sie das Leben; ihre Liebenswürdigkeit, ihr Lachen und ihr stahlharter Wille inspirierten viele.

Mit fünfzehn Jahren fragte Lucy ihren Arzt: “Sterbe ich?” “Du bist wie eine Katze, du hast neun Leben”, war die Antwort. Lucys beeindruckende Vitalität und Entschlossenheit hatten sie über so viele kritische Kreuzungen geführt, dass selbst erfahrenes Personal annahm, dass sie eine weitere schaffen würde. Nebenbei riß sie immer noch Witze. Immer noch tapfer damit beschäftigt, ihren Körper am Funktionieren zu halten, gab es in dieser letzten Woche eine Veränderung. Wenn sie über das Sterben sprach, so geschah dies ohne Angst. Ihr größtes Projekt, die Angst vor dem Tod, war beendet.

Bis zu dem Moment, in dem Lucys Geist ihren Körper verließ, war niemand sicher, was ihr das Schicksal bereit hielt. An ihrem letzten Morgen, sechs Wochen vor ihrem sechzehnten Geburtstag, stand sie an der Spitze der Transplantationsliste. Ihre Großmutter und ich strömten ihr die gegenüber liegenden Finger und Zehen. Etwas später nahm Lucys Vater nacheinander jeden Finger, wobei ich wieder die gegenüber liegenden Zehen strömte. Als wir zur letzten Kombination gelangten und ich liebevoll ihre großen Zehen umfasste, schlug mich eine Kraft beinah aus dem Bett. Im Kampf um das Bewusstsein legte ich mich auf das Tagesbett, und der Rest der Familie verließ den Raum. Als ich die Augen schloss, sah ich wie zwei Krankenschwestern Lucy zur Seite rollten. Das war, als sie ihren Körper verließ.

Ich sah Lucys Projekte immer als Ausdehnung genetischer Disharmonien, und die Liebe, die Lucy versprühte, zerbrach die alten Familienmuster. Ich vertraute darauf, dass ihr Geist seinen Weg des größten Nutzens finden würde. Jedoch fragte ich mich in meiner Trauer, ob irgend etwas schief ging. War es der Fehler, den die Krankenschwester am Tag zuvor gemacht hatte, strömte ich sie nicht genug? Ich hatte das Gefühl, ihr Tod bedeute, dass ich versagt habe. Das hält an, obwohl ich erfüllt bin von einem greifbaren Sinn von Lucys enormer Klasse und ihren Errungenschaftgen, von der Befreiung aus ihren Projekten. Ich wünsche mir noch oft, dass die Dinge anders ausgegangen wären, ich vermisse Lucy, doch die Geschenke, die ich erhielt gerade durch diese Begebenheiten in unserem gemeinsamen Leben, erhalten mich und setzen sich fort auf unermessliche, mysteriöse Weise. Dein Wille und mein Wille ruft mich, entzieht sich mir, stellt mich vor Rätsel und verwandelt mich.

 

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